Dienstag, 29. Dezember 2015

Dritter Weihnachtsfeiertag

Sonntag, 27. Dezember 2015:
Nach stressfreien, erholsamen und gemütlichen Weihnachtstagen ist es endlich so weit.
Ein ganzes Jahr freue ich mich auf diesen Tag. Ja, manchmal machen einfache Dinge im Leben glücklich.
Eine Stunde früher als sonst treffen wir uns im Tiefensteiner Staden.
Vorsichtshalber schmiere ich mir zwei Brote und packe sie in den Rucksack – eins mit Käse und etwas Ketchup, das andere mit Wildschwein-Leberwurst.
Von Idar aus gehe ich gemütlich durch den Rödgesberg Richtung Weiherschleife.
Angenehme acht Grad sind es um acht Uhr. Wahrscheinlich wird sich die Temperatur im Laufe des Tages aber nicht proportional zur Uhrzeit verändern.
War schon der November außergewöhnlich warm, so ändert sich also nichts an den für diese Jahreszeit viel zu milden Temperaturen, die teilweise auch im Dezember in den frühlingshaften Bereich angestiegen sind.
Schaut man auf den aktuellen Temperaturmittelwert der bereits vergangenen Dezember-Tage, so wird schnell klar, dass der Dezember sich in eine ganze Reihe von zu warmen Monaten in 2015 einreihen wird.
Unterwegs schließen sich noch zwei Wanderhungrige an. Wenig später treffen wir an der Stadenhalle auf den vorläufigen Rest der Truppe. Kurz nach 09:00 Uhr starten wir bei gutem Wetter, um an den „Bündelchestag“ zu erinnern.
Der ''Bündelstag'' (auch: ''Bündelchestag'', auf Hunsrückisch: ''Bindelschesdaach'') war im späten Mittelalter der Tag des Dienstbotenwechsels. An den Weihnachtsfeiertagen erhielten die Mägde und Knechte ihren Jahreslohn ausbezahlt.
Diejenigen, die von ihrem Dienstherrn nicht über den Winter versorgt wurden, mussten ihre armselige Habe in ein Stück Stoff zum Bündel schnüren, denn Tücher konnten sie sich nicht leisten.
Alternativ legten sie ihr Zeug in einen Weidenkorb und machten sich auf die Suche nach einer neuen Anstellung. In der ungemütlichen und kalten Jahreszeit endeten diese Wanderungen meistens recht schnell in einem nahe gelegenen Gasthaus.
Im Nahetal, in der Nordpfalz und im Soonwald finden am Bündelstag noch heute traditionell Wanderungen statt, mit anschließendem Picknick am Lagerfeuer im Freien oder einer Einkehr in einem Wirtshaus.
An der Kreuzbuche
Der Bündelchestag gilt dort als dritter Weihnachtsfeiertag und wird nach der Wanderung in geselliger Runde gerne ausgiebig gefeiert.
Wir lassen den Ortsteil „Auf der Lüh“ links liegen und kommen nach Herborn. Am Ortsausgang weht uns auf freiem Feld der Wind um die Ohren. Im Schutz des Waldes gehen wir dann hoch zur „Kreuzbuche“, wo schon zwei Helfer der Herborner Feuerwehr auf die Meute des heutigen Tages warten. Kaltes KIRNER Bier, warmer Glühwein und Würstchen gibt es hier wie jedes Jahr, darauf ist Verlass. Obwohl es aussieht, als seien wir die erste Gruppe, waren schon zwei ältere Damen vor uns hier.
Wir bestellen sieben Bier und sieben Mettwürste – eine kluge Entscheidung, denn die erste Packung ist wohl noch ein Restbestand. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal eine so wohlschmeckende Wurst gegessen habe. Schon optisch wirkt sie außergewöhnlich, denn sie ist schön dunkel und Gewürze schimmern durch die Pelle. Die Konsistenz ist etwas grober als gewöhnlich. Schnell sind meine Brote im Rucksack vergessen und ich kaufe noch eine zweite, so lange es noch welche gibt. Denn schon ist die zweite Gruppe da und sorgt dafür, dass sich das Rost schnell leert.
Nationalpark Hunsrück-Hochwald
In den Jahren 2010 und 2014 hatten wir schöne Wanderungen im Schnee. Richtung Wildenburg waren wir die ersten, die mit ihren Stiefeln Spuren im Schnee hinterließen. Teilweise bis zu 35 Zentimeter versank man in der weißen Pracht, die das Vorwärtskommen erschwerte. Heute ist daran nicht zu denken, der Boden ist nass und aufgeweicht.
Wir müssen weiter, wenn wir unser gestecktes Ziel erreichen möchten. Obwohl die Wildenburg wieder geöffnet ist, halten wir uns rechts. Durch den östlichen Ausläufer des Nationalparks Hunsrück-Hochwald wandern wir am Wildenburger Kopf vorbei nach Kempfeld. Der Biker-Pub „Black Bear“ ist unser Ziel. So früh ist auch hier noch nicht so viel Betrieb.
Die angebotene Rinderbrühe mit Hackfleischklößchen brauchen wir heute nicht, und so bestellen wir nur eine Runde Bier.
Letztes Jahr sind wir von hier aus ins Tal nach Katzenloch, doch da wir heute eine Stunde früher unterwegs sind, erweitern wir die Runde um zwei schöne Dörfer.
Zwischen Bruchweiler und Katzenloch
Erweitert hat sich auch unsere Gruppe um eine Person. Sechs Grad sind es noch, als wir den Weg Richtung Schauren einschlagen.
Das Gasthaus Zuck war die letzten Jahre eine feste Anlaufstelle, denn hier saß man gemütlich an der Theke, bekam leckere, eingelegte Heringe, KIRNER Bier und guten Schnaps. Heute ist an der Theke niemand erwünscht und so setzen wir uns brav an einen der Tische. Heringe gibt es auch nicht, nur die normale Speisekarte. Na ja, dann eben eine Runde Bier.
Bis Bruchweiler ist es nicht mehr weit, deshalb findet man uns bald im Tankstübchen am Hochwald, wo noch ein befreundetes Paar zu uns stößt.
Kaum haben wir die letzten Häuser hinter uns gelassen, müssen wir uns über einen matschigen Feldweg kämpfen. Über Teile der Traumschleife „Köhlerpfad am Steinbach“ wandern wir nach Katzenloch.
Köhlerpfad am Steinbach (Saar-Hunsrück-Steig)
Eine Einkehr im Treff am Wasserfall ist leider nicht möglich, denn der alte Stall, in dem wir letztes Jahr gemütlich saßen, hat diesmal über Winter geschlossen.
Wir können jetzt zwischen zwei Varianten wählen. Eine führt links über den Hohenfels und die Rosselhalde ins Tal bis zur Bundesstraße. Dann müssen wir den Berg auf der anderen Seite wieder hoch bis zum Bärloch.
Die Entscheidung fällt auf die etwas entschärfte Variante. Durch den Wald gehen wir auf einem dicht mit nassen Blättern bedeckten Weg bis zum Bärloch. Hier bleiben wir kurz stehen und schauen ins Tal. Langsam wird es dunkel und so nehmen wir den letzten Anstieg Richtung Kirschweiler Festung in Angriff, der uns bis zum Sportlerheim Kirschweiler bringt.
Hier habe ich uns einen Tisch bestellt. Genau 17 Uhr, damit sind wir sogar sehr pünktlich – mehr Zufall als Planung.
Wir Männer haben jetzt auch Gefühle… zum Beispiel Hunger und Durst.
Ich bestelle ein Schweizer Schnitzel mit Pommes Frites und Salat. Eine gute Wahl, obwohl meine neidischen Blicke zwei Plätze nach links schweifen, wo eine Portion Rehpfeffer mit Klößen und Rotkohl steht - inklusive Nachschlag von der Köchin persönlich.
Gut gesättigt treten wir raus in die Dunkelheit und hinterlassen die feuchte Erde aus unseren Schuhen unter den beiden Tischen. Na ja, dafür gab es ja Trinkgeld. Taschenlampen haben wir im Gepäck, brauchen sie aber nicht, denn die Augen haben sich schnell an die Dunkelheit gewöhnt und das, obwohl der Mond noch nicht am Himmel zu sehen ist.
Vorbei am Golfplatz Kirschweiler geht es über die Höhe nach Hettenrodt.
Beim Hundeverein brennt Licht, wir möchten allerdings weiter. Noch ein kleiner Anstieg am Ortsausgang Richtung Mackenrodt, dann links zur Silver-Ranch.
Luna beleuchtet die Silver-Ranch
Hier ist im wahrsten Sinne des Wortes „Tag der offenen Tür“, denn Zigarettenqualm und die wohlige Wärme des Holzofens scheint zu viel des Guten. KIRNER Stubbi kostet hier nur 1 Euro. Wir genießen es draußen im Freien. Erinnerungen an früher, als wir hier viel Zeit verbrachten, werden wach. Dafür sorgen auch die bekannten Rock-Klassiker.
Mittlerweile zeigt sich der Mond am Himmel. Erst ein kleines Stück, dann in fast voller Größe – vor zwei Tagen war Vollmond. Glühend orange liefert er ein tolles Motiv für einen Schnappschuss.
Nach einer zweiten Runde Bier machen wir uns auf die letzte Etappe. Kürzer wäre für mich der Weg durch den Steinkaulenberg nach Algenrodt, aber ich beschließe, bei der Herde zu bleiben. Vorbei am Hasenhaus sind wir schnell in Tiefenstein.
Hier löst sich die Gruppe auf, bis wir zu zweit die letzten Kilometer bis Idar vor uns haben. Auf ein letztes Bier im Idarer Brauhaus müssen wir verzichten, denn es hat momentan für ein paar Tage geschlossen.
Aber es ist ja nicht so, dass wir am verdursten sind.
Noch ein Glas Mineralwasser, duschen und dann muss ich mich um mein Bett kümmern, das emotionale Zuneigung braucht.
Nach genau 35 Kilometern und 700 Höhenmetern hat sich mein Körper etwas Ruhe verdient. Gute Nacht!


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