Montag, 8. Februar 2016

Vom Erbeskopf ins Singende Tal

Samstag, 06. Februar 2016:

Dass Wecker nur wecken und nicht wach machen, ist doch eine Fehlkonstruktion.


Heute freue ich mich auf eine schöne Wanderung am Erbeskopf. Das Wetter ist herrlich, so fällt das Aufstehen etwas leichter.
Morgen soll es schon wieder schlechter werden, am Montag sogar viel Regen und Sturm, deshalb schnell noch die Sonnenstrahlen genießen.

Am Hunsrückhaus beim Erbeskopf startet die Wanderung mit Edgar Schmitt, Wanderführer der Tourist-Information Thalfang.
Fünf Personen haben sich angemeldet, eine davon begleitet von Emma, der Golden-Retriever-Hündin.
Edgar hat keine feste Route geplant sondern richtet sich nach uns und möchte die Tour unseren Bedürfnissen anpassen.
Jeder kennt den Erbeskopf-Gipfel sowie die dazugehörige Traumschleife und so möchten wir gerne mal etwas abseits der gewohnten Pfade wandern.
Wir lassen den König des Hochwaldes hinter uns und gehen Richtung Bromerkopf bis wir etwa 500 Meter südöstlich von ihm beim "Schwarzen Stein" angekommen sind. Warum der Zugang zum "Singenden Tal" seit alters her so heißt, weiß niemand. Vermutlich handelt es sich um eine Gerichtsstätte der Kelten. Um 1900 jedenfalls ließ ein traditionsbewusster Oberförster einen großen Felsblock hierher schaffen... nun ist er zumindest sichtbar... der ''Schwarze Stein'', wenn auch mehr grau als schwarz.

Im Singenden Tal
Das "Singende Tal" ist ein Teil des Röderbachtales am Fuße des Erbeskopfes und geprägt von idyllischer Schönheit. Der Grund für diese poetische Bezeichnung ist wahrscheinlich auf Wahrnehmungen eines gewissen Professors H. Reuleaux zurückzuführen, der 1877 an einer Treibjagd im Röderbachtal teilgenommen und von seinem Standort aus liebliche Töne wahrgenommen hatte. Er sprach von "selbsttönenden Luftgebilden oder tönenden Körpern, die gleich unsichtbaren, singenden Schwänen durch die Luft segeln".
Diese Eindrücke beschrieb der Gelehrte in seiner Schrift "Das Singende Tal bei Dhronecken, ein Hochwaldrätsel".
Stützen konnte er sich dabei auch auf Erfahrungen des Dhronecker Oberförsters Helbron, der bereits Mitte der 1860er Jahre die geheimnisvollen Töne gehört haben soll und bei Treffen mit Forstbeamten die Bezeichnung "Singendes Tal" geprägt haben dürfte.

Ich denke noch darüber nach, was bzw. wie viel die beiden Herren damals wohl geraucht oder getrunken hatten, als eine Info-Tafel eine wissenschaftliche Erklärung für die Hörphänomene als Besonderheit des hier herrschenden Kleinklimas liefert. 
"Im Röderbachtal wechseln sich Stauweiher und Wiesenareale mit kleinen Wäldern ab. Diese Waldriegel bilden natürliche Barrieren, welche die von den Berghängen absinkende Kaltluft aufhalten. Über den Wasserflächen im Tal sammeln sich sogenannte Kaltluftseen.
Die enge geologische Furche des Taleingangs wirkt wie eine Düse und beschleunigt ankommende Winde. Wenn warme Luftmassen von Südwesten in das nordöstlich orientierte Tal einströmen, kommt es an der horizontalen Berührungsfläche zu Reibungen mit der bodennahen Kaltluft. Bei höheren Windgeschwindigkeiten werden Schwingungen ausgelöst, die für das menschliche Ohr als harmonisch singende Töne wahrnehmbar sind."

Aaaaha… nun gut. Wieder etwas schlauer.

Das Singende Tal hat aber noch mehr zu bieten. Im unteren Talabschnitt finden sich neben alten Buchenwäldern auch Erlen- und Moorbirkenbruchwälder.

Wir wandern im Tal rechts entlang des Röderbachs. Einige Schilder weisen mit der Bezeichnung "TT1" auf den "Themenweg Thalfang 1" hin, der in älteren Karten noch eingezeichnet ist. Er führt uns hinauf zur "Klink", einer bekannten Landmarke.
Wenn Markthändler einst aus der Mark Thalfang nach Idar-Oberstein oder Birkenfeld wollten, mussten ihre Fuhrwerke diesen enormen Steilanstieg bewältigen. Dabei halfen zusätzliche Zugtiere, Pferde oder Ochsen, die hier am Standhort ''ausgeklinkt'' und wieder zurück ins Tal geschickt wurden - für den nächsten Transport.

Ein grünes Schild an dieser Wegkreuzung trägt die Überschrift "Wolfstreiben". Ich trete näher und lese, dass hier im Winter 1878/1879 der angeblich letzte Wolf im Hochwald vom damaligen Förster Tesch aus Deuselbach geschossen wurde.
Kleiner Hunnenring auf dem Röderberg
Genau einen Kilometer ist es von hier bis zum "Kleinen Hunnenring" auf dem 641 Meter hohen Röderberg.
Auf dem Taunusquarzit des Schwarzwälder Hochwaldes und Idarwaldes liegen auf einer rund 40 km langen Strecke als Ringwälle der Hunnenring von Otzenhausen, Vorkastell, Ringkopf, Wildenburg sowie Altburg bei Bundenbach.
Der Name "Hunnenring" hat nichts mit dem Volksstamm der Hunnen zu tun, sondern ist wahrscheinlich auf die dicken Mauern aus großen Felsblöcken zurückzuführen, die nach der Überlieferung als Werke von "Hünen" angesehen wurden. Auch eine Ableitung vom alten Begriff "Hunnich" (für König) ist denkbar.
Die zum Schutz vor angreifenden Germanenstämmen von Kelten (Treverer) erbaute Fliehburg hat einen Durchmesser von etwa 60 Metern und ist damit deutlich kleiner als die bekannte Anlage in Nonnweiler-Otzenhausen. Von der gesamten Befestigungsanlage auf dem Röderberg ist heute noch der Verlauf der ehemaligen Mauerkonstruktion zu erkennen.


Die Steine sind mit Moos überzogen und liefern ein tolles Motiv für Fotos.
Wir müssen weiter, wenn wir einigermaßen im Zeitplan bleiben möchten.
Nach etwa 100 Metern warten meine beiden männlichen Begleiter auf unsere drei Damen. Während ich langsam weitergehe, höre ich es im Dickicht rechts von mir rascheln. Den Gedanken, dass es sich um Emma handelt, habe ich noch nicht ausgedacht, da stürmt ein großer Keiler einen Meter vor mir über den Weg, ohne nach rechts oder links zu schauen… das Schwein!
Emma läuft ein Stück hinterher, kann aber nicht mithalten. Es wäre wohl auch eine dumme Idee, denn sie hätte keine Chance gegen das größere und schwerere Wildschwein, das zudem zäh ist wie ein Panzer.

Ich warte, bis sich mein Herzschlag beruhigt hat und atme tief durch. Raimund, Emmas Herrchen, schätzt das Tier auf etwa vier Zentner. Einem Wildschwein bin ich bisher noch nicht begegnet. Es ist auch eher unwahrscheinlich, denn Wildschweine haben ein gutes Gehör und einen ausgeprägten Geruchssinn. Das heißt, sie bemerken den Mensch früh und halten Abstand.
Wenn diese Tiere flüchten können, tun sie das normalerweise auch.
Steht man allerdings einer Bache mit Frischlingen gegenüber, hat man schlechte Karten, denn sie wird wohl eher ihre Jungen verteidigen, als zu flüchten. Sie hat keine Hauer, kann einen Feind aber mit ihrem kräftigen Gebiss böse verletzen.
Die Konfrontation mit einem Männchen kann durchaus lebensgefährlich sein. Keiler versuchen immer, einen Gegner umzuwerfen, was bei ihrer Körpermasse und Schnelligkeit einem Menschen so gut wie keine Chance lässt.
Am Röderberg, kurz nach der Begegnung mit dem Keiler

Sie können mit ihren Hauern gefährliche Verletzungen verursachen. Vor allem aber haben sie rasiermesserscharfe Zähne. Die obere und untere Zahnreihe reibt gegeneinander, wodurch das Gebiss ständig geschärft wird.
Es heißt, dass es am besten ist, das Tier einfach zu ignorieren.
Keine hektischen Bewegungen machen und langsam entfernen.
Das Wildschwein wird dann seinerseits auf Distanz bleiben und den Menschen nicht weiter beachten. Ganz wichtig: Auch wenn Frischlinge süß aussehen, sollte man ihnen auf keinen Fall zu nahe kommen.
Diese Begegnung werde ich so schnell jedenfalls nicht vergessen.

Ein kleiner Single-Trail führt uns ins Röderbachtal, wo die Hälfte der Strecke hinter uns liegt.
Durch das Hohltriefbachtal wandern wir weiter.
Auf der heutigen Strecke sieht man viele Bäume, an denen Zunderschwämme wachsen. Bei dieser Pilzart, die früher als Zusatz zum Schießpulver und in der Medizin verwendet wurde, handelt es sich um einen Parasit, der vor allem geschwächte Laubbäume befällt.
In unserer Region ist die nur in Europa heimische Rotbuche verbreitet – eine weltweit eher seltene Art.
Aber auch Birken und Pappeln werden besiedelt.
Eine Besonderheit des Zunderschwamms ist sein Drehwuchs.
An der Unterseite des Fruchtkörpers befindet sich die empfindliche Porenschicht, die nach dem Umstürzen des Baumes ungeschützt der Witterung ausgesetzt sind. Neue Fruchtschichten werden daher um etwa 90 Grad gegenüber den schon vorhandenen gebildet.
Ein Baum mit Zunderschwämmen

Wir kommen nicht richtig voran, denn ständig warten wir auf unsere Nordic-Talking-Gruppe. So gut zu Fuß, wie die Damen anfangs behaupteten, sind sie dann wohl doch nicht.
Nach 1,6 Kilometern biegen wir an der Spitzkehre ab und gehen auf der linken Seite des Röderbaches aufwärts bis zum "Springenbruch".
Hier auf der Mittelschneise befindet man sich auf der Grenze zum Nationalpark.
Die männliche Fraktion, begleitet von der treuen Hündin, wandert das letzte Stück auf der Traumschleife "Gipfelrauschen" zurück zum Ausgangspunkt.
Die Nordic-Talking-Gruppe hingegen hat sich für den einfachen Weg entschieden und bleibt auf der Mittelschneise.

Insgesamt war es eine tolle Wanderung, auf der ich während den 15 Kilometern viele neue Eindrücke mitnehmen konnte.
Einige Punkte werden denjenigen Mountainbikern bekannt vorkommen, die am Erbeskopfmarathon teilgenommen haben. 
Edgar Schmitt ist ein angenehmer Zeitgenosse und zudem als ehemaliger Soldat ein guter Partner für Gespräche von Bunker Erwin bis zum Starfighter.

Weitere Informationen, Fotos und GPS-Dateien unter
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=fsxhjcxwamwoqrnr