Dienstag, 9. Februar 2016

Statt "Humba, humba, humba, täterää!"


Sonntag, 07. Februar 2016:
Statt "Humba, humba, humba, täterää!", "Helau!" und "Alaaf!" möchte ich dieses Jahr dem Karnevalsrummel entgehen, denn ich habe genug von den Höhnern und den ganzen Faschingsliedern.
Stattdessen bin ich auf der Suche nach Ruhe in der Natur.
Passend bietet die Erlebnis Nationalpark (ENP) GmbH eine "Wanderung für Fastnachtsmuffel" an, die vom ZNL Sascha Becker geleitet wird.
Ihn kenne ich schon von der Winterwanderung am 17. Januar, bei der er uns ab Rinzenberg über Teile der Traumschleife "Trauntal Höhenweg" führte.

Zugegeben, es kostet schon etwas Überwindung, sich aufzurappeln bei verhangenem Himmel, grauen Regenwolken und Temperaturen im einstelligen Bereich. Aber mit der richtigen Kleidung und Ausrüstung kann man Wanderungen auch bei Schmuddelwetter wagen.
Beim Joggen heute Morgen regnete es durchgehend, jetzt wird es aber langsam besser. 

Auf dem Weg zum Erbeskopf fahre ich durch Allenbach und sehe am Ortseingang jeweils vor und nach der Bushaltestelle am Straßenrand das Gefahrzeichen Nummer 136 nach Anlage 1 zu § 40 der StVO: "Achtung Kinder!" 
...Pffff, als ob ich Angst vor denen hätte. 
Im Hunsrückhaus am Fuß des Erbeskopfs können wir uns noch etwas die Zeit vertreiben bis Sascha uns begrüßt, denn wir sind viel zu früh. Irgendwie ist mir bei der Fahrzeitberechnung wohl ein Fehler unterlaufen… da war ich unkonzentriert… wobei… wenn ich mich konzentrieren könnte, wäre ich Orangensaft geworden.

Mittlerweile sieht es gut aus, es scheint trocken zu bleiben.
Nur vier Personen sind heute hier, obwohl einige mehr angemeldet waren. Die Grippe hat sie erwischt. Ihr haben wir auch zu verdanken, dass wir auf meinen Joggingpartner verzichten müssen. Vorhin war ich noch mit ihm laufen und jetzt liegt er mit Fieber flach.

Außer einer Sportsfreundin hat sich noch ein nettes Ehepaar dazu entschlossen, mitzuwandern.

Wir starten nach Südwesten in Richtung Springenkopf. Ein steiler Anstieg liegt vor uns. Die Hose der netten Dame, genauer gesagt eine gefütterte Synthetikhose, raschelt bei jedem Schritt… ganz schön nervig. Nach 1,7 Kilometern biegen wir rechts ab und folgen dem Weg. Hier sieht man viele Stellen mit Windbruch.
Ein Stück weiter wird es idyllisch, hier kann man die für den Erbeskopfkamm charakteristischen Berg-Buchenwälder sehen. Ein besonderes Merkmal dieser Vegetation bilden auch viele durch das raue Klima sowie durch Schneebruch und flachgründigen Boden zu bizarren Wuchsformen gestalteten Krüppelbuchen.
Schön ist es hier… und auf eine Armlänge Abstand muss man auch nicht achten.
"Die Karawane zieht weiter" über Teile des Saar-Hunsrück-Steigs zu "Siegfrieds Quelle", die mit der Nibelungensage in Verbindung gebracht wird.
Siegfrieds Quelle
Hier an der Siegfried-Quelle am Hohltriefbach, einem Nebenarm des Röderbachs, soll Hagen von Tronje den Drachentöter Siegfried von Xanten erstochen haben.
Es ist eine von vielen Siegfried-Quellen, denn der Held soll auch im Odenwald beim Trinken aus einer Quelle von Hagen hinterrücks erstochen worden sein.
Solches lässt sich in der Touristik-Branche gut vermarkten. Mindesten sieben Orte behaupten, ihre Quelle sei die, an welcher der fürchterliche Mord geschehen sei.
Am bekanntesten ist die Siegfried-Quelle bei Gras-Ellenbach.

Der Bundenbacher Autor Uwe Anhäuser geht in seinem Buch "Sagenhafter Hunsrück" der Frage nach, ob die Sagengestalt Hagen von Tronje und sein Waffengefährte Hunold aus dem Hunsrück stammen. Die Namensähnlichkeiten sind in der Tat frappierend: Gegenüber dem Berg, auf dem die Burg Hunolstein (Hunold) gebaut worden ist, liegt der Ort Haag (Hagen). Im Tal dazwischen fließt die Dhron (Tronje). Und möglicherweise war die Burg Dhronecken in der VG Thalfang, gelegen an der kleinen Dhron, der Stammsitz von Hagen von Tronje, der in einigen Fassungen des Nibelungenliedes auch als Hagen von Troneg (Dhronecken) bezeichnet wird.
Zudem gibt es vier Kilometer südöstlich der Röderbachquelle, unterhalb des Erbeskopfes, den Ort Thranenweiher.
Für den Ortsnamen finden sich die verschiedensten Schreibweisen; erklärt wird er durch die Sage, dass hier Kriemhild Tränen vergossen haben soll und sich ein "Tränenweiher" gebildet habe, als sie vom Tod ihres Gemahls Siegfried erfuhr.
Andere Kandidaten für Hagens Geburtsort sind Kirchberg im Elsass (im Mittelalter Tronje).
Das alles ist faszinierende Erzählung. Wer weiß schon, wie es sich wirklich zugetragen hat? Vielleicht wurde die Quelle ja auch vom Sohn des hier zuständigen Försters entdeckt, der Siegfried hieß?
Jedenfalls ist es schön, einen Ort zu haben, der zum Nibelungenlied sprachlich und geografisch passt.

So war es also ein winziges Fleckchen auf Siegfrieds Rücken, wo das Blatt einer Linde niederfiel und so verhinderte, dass das Blut des Drachen die Haut benetzte, um auf diese Weise unverwundbar zu werden. Die Stelle wurde zu Siegfrieds Achillesferse - auch wenn er nicht Achilles sondern Siegfried war, und es auch nicht die Ferse sondern der Rücken.... ach vergesst es, ihr wisst, was ich meine.

Zurück zur Gegenwart… die Siegfried-Quelle ist übrigens auch das Quellgebiet der kleinen Dhron, denn das "Dhrönchen" entsteht aus einem Zusammentreffen des Röderbachs mit dem Thalfanger Bach in Dhronecken.

Auch Realität sind gefüllte Berliner, die Sascha aus seinem Rucksack zaubert.
Nach dieser kleinen Stärkung geht es weiter… und wieder dieses Rascheln der Hose im Takt der Schritte. Nur 300 Meter weiter kommen wir zum nächsten markanten Punkt, dem "Stern", eine Wegspinne.
Von hier wandern wir weiter 900 Meter aufwärts in nordöstlicher Richtung auf der Pfaffenstraße, einer römischen Heeres- und Handelsstraße von Trier nach Mainz, die noch zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges benutzt wurde. Die militärische Asphaltstraße führt von Züsch aus zur Fernmelde-Empfangsanlage "Fuchsbau" auf dem Sandkopf. Von dort weiter vorbei am Ruppelstein und entlang des Erbeskopfs bis zur "Hange Berk". Hange Berk steht für hängende Birke. Ehemals ein bedeutender Ort, der Grund für Streit um Wald und Geld war, da dort die Grenze zwischen den Territorien Kurtrier, den Wild- und Rheingrafen und Sponheim verlief. Die Landmarke scheidet noch heute Wasser, Ländereien, Dialekt und Wetter. Nahezu unscheinbar ist diese Landmarke heute - ein Parkplatz an der L 164, die von Allenbach nach Thalfang führt. Von dort aus starten Wanderer ihren Spaziergang, Radtouristen fahren auf dem Hunsrückradweg vorbei und Langläufer schnallen im Winter die Ski an. Gegenüber dem Parkplatz zweigt die K 121 ab, die hoch auf den Gipfel des Erbeskopfs führt.
Wer heute dort wegen des Namens eine besonders mächtige Birke vermutet, irrt. Wenn dort eine gestanden hat, dann ist dies schon Jahrhunderte her, denn die "Hange Berk" ist schon auf einer Karte von 1585 zu sehen.

Es geht zum Naturwaldreservat Gottlob. Der Ausruf "Gottlob" war an dieser Stelle bereits vor Jahrhunderten zu hören, als die Markthändler schwer bepackt aus Thalfang bzw. der Moselregion ins Birkenfelder Land marschierten und der schwere Anstieg hinter ihnen lag. Hier dankten sie dann Gott für den Beistand auf der überwundenen Strecke.

Ich bekomme das raschelnde Geräusch nicht aus meinem Kopf.... bei jedem Schritt!!!
Wir amüsieren uns über die Szene aus Staffel 6, Folge 8 der Serie "The Big Bang Theory" (Das Rätsel der 43), in der Sheldon seine Assistentin zum Umziehen nach Hause schickt, weil ihre Cordhose zu laut ist.
In diesem Sinne... "Narrhallamarsch!!!"

Jetzt nehmen wir die letzte Etappe in Angriff.
Sascha führt uns zu einem umgestürzten Baum und erzählt interessante Dinge über Totholz.
Totholz ist ein charakteristisches Merkmal natürlicher Wälder und spielt im Ökosystem des Waldes eine zentrale Rolle. Totholz bildet die Lebensgrundlage für eine Fülle von Tier- und Pflanzenarten.
Es wird durch eine Vielzahl von Organismen genutzt, die sich im Laufe der Evolution an diesen Lebensraum angepasst haben. Pilze und Käfer sind an der vollständigen Remineralisierung eines Holzkörpers beteiligt, wobei zwischen ihnen auch unterschiedliche Abhängigkeiten bestehen. Insekten übertragen Pilzsporen auf den Holzkörper, die Pilze können wiederum Nahrungsquelle und Teillebensraum für Insekten sein.
Dies führt dazu, dass jeder Totholztyp - egal ob liegend oder stehend - mit seiner eigenen Flora und Fauna assoziiert ist.
Sozialer Wohnungsbau
Viele Tiere und Pflanzen, die auf Totholz angewiesen sind, stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Diese Arten sind in ihrer Lebensweise hochgradig auf bestimmte Zerfalls- und Zersetzungsphasen von Holz angewiesen. Pilze, Flechten, Moose, Farne und viele Insektenarten, wie etwa Ameisen und Schmetterlinge, finden hier ihre Habitatnische.

Totholz bietet größeren Tieren die Möglichkeit, ihre Bauten und Nester anzulegen, und ist Lebensraum der Nahrung von Vögeln und anderen Tieren. Von den Insektenlarven im Holz ernähren sich die Spechte und andere heimische Vögel. Spechte zimmern ihre Bruthöhlen in morschem Holz. Diese Baumhöhlen werden, wenn die Spechte sie verlassen haben, von anderen Tieren als Nistplatz genutzt, so zum Beispiel von den Eulenarten Raufußkauz, Sperlingskauz und Waldkauz, aber auch von Kleinsäugern wie Siebenschläfer und Eichhörnchen.
Verlassene Spechthöhlen dienen außerdem einer Reihe von Fledermausarten als Sommer- und Winterquartier. Ein modernes Beispiel also für sozialen Wohnungsbau.

Verschiedene Amphibien und Reptilien suchen liegendes Totholz als Tagesversteck, zum Sonnenbad oder zum Überwintern auf. Darunter fallen etwa die Erdkröte und die Waldeidechse, sowie die Europäische Sumpfschildkröte, die Totholz in Gewässernähe braucht. Marienkäfer überwintern gern in großen Gruppen unter Rinde oder im Moos.
Blindschleichen und Kreuzottern suchen Baumhöhlen in Bodennähe zum Überwintern und als Nistplatz auf. Die Blindschleiche nutzt alte Baumstämme tagsüber zum Sonnenbad. Die Kreuzotter versteckt sich tagsüber bei großer Hitze in oder unter Totholz.

Unsere Nerven werden auf die Probe gestellt. Meine Begleiterin behauptet sogar, das Rascheln sei schlimmer geworden...  der Stoff der Hose reibt jetzt auch im Kniebereich aneinander… scheinbar muss die gute Frau zur Toilette.

Gleich haben wir es geschafft, dann sind wir am Erbeskopfgipfel, dem höchsten Punkt des Nationalparks, angekommen.
Der Erbeskopf - König des Hochwaldes - in den Landkreisen Bernkastel-Wittlich und Birkenfeld ist mit 816 m ü. NN der höchste Berg im Hunsrück, im Landkreis Bernkastel-Wittlich und in Rheinland-Pfalz sowie die höchste deutsche linksrheinische Erhebung.
Auf dem Gipfelplateau steht eine Radarstation.
Amerikanische Truppen besetzten am 17. März 1945 den Erbeskopf. Sie erweiterten die militärische Nutzung erheblich und überwachten den gesamten militärischen Flugverkehr bis tief ins Gebiet der damaligen Sowjetunion. Drei große Radartürme sowie der nach 1960 unter dem Südhang des Erbeskopfes erbaute Kommandobunker Börfink, genannt "Bunker Erwin", mit dem Kriegshauptquartier Europa Mitte dienten der NATO-Strategie als multinationale Gefechtsstelle im Kalten Krieg.
Vom "Bunker Erwin" wurde die Luftraumüberwachung Mitteleuropas gesteuert.
Derzeit überwacht die Bundeswehr von der Radarstation aus den Luftraum in einem Umkreis von 400 Kilometern. Hier steht auch der 1971 knapp außerhalb des militärischen Sperrgebietes errichtete Aussichtsturm Erbeskopf (Erbeskopfturm). Die 11 Meter hohe Holzkonstruktion mit drei Plattformen ist leider gesperrt und so müssen wir auf den Ausblick von der oberen Hauptaussichtsplattform verzichten.
Ursprünglich stand an der Stelle des heutigen Aussichtsturms ein vom Mosel-Hochwald-Hunsrückverein (heute Hunsrückverein) errichteter, am 8. September 1901 eingeweihter, 23 Meter hoher und aus Stein bestehender Kaiser-Wilhelm-Turm. Nach 60 Jahren wurde er am 18. August 1961 gesprengt, weil er den militärischen Radarrundblick behinderte.
Von der Aussichtsplattform "Windklang" können wir heute eine schöne Aussicht genießen, bevor es auf der Skipiste, auf der sogar noch Schneefelder zu sehen sind, zurück zum Ausgangspunkt der Wanderung geht.

Die Tour führte zu einigen markanten Punkten im Nationalpark Hunsrück-Hochwald. Die Wälder rund um den Erbeskopf zählen wegen ihrer Ursprünglichkeit zu den schönsten Waldgebieten im Hunsrück. Ich hätte mir ein paar mehr schmale Pfade abseits bekannter Wege gewünscht, aber nach der langen Regenphase waren die geschotterten Waldwege wohl letztendlich besser. Sogar die Regenjacke konnte im Rucksack bleiben, also alles richtig gemacht.
Danke, Sascha. Es hat Spaß gemacht.

Es wird aber wohl vorerst der letzte erträgliche Tag gewesen sein, denn das heftige Sturmtief namens "Ruzica" (gesprochen: Ruschiza) bringt neben Sturm auch starken, anhaltenden Regen und sogar Gewitter. Der Deutsche Wetterdienst erwartet für Montag in weiten Teilen Deutschlands Sturmböen der Stärke 8 bis 9.

Viele Karnevalshochburgen haben ihre Rosenmontagsumzüge bereits abgesagt, darunter Mainz, Münster und Düsseldorf. Auch in Duisburg und Idar-Oberstein finden sie nicht statt. In Köln soll es eine abgespeckte Variante ohne Pferde und große Figuren geben.
Das tut mir leid für alle, die an der Planung und Umsetzung beteiligt sind und für alle Narren, die sich auf diesen Tag gefreut haben.

Weitere Informationen, Fotos und GPS-Dateien unter
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=lsutbgojhqgpnidd