Mittwoch, 8. Juli 2015

Vitaltour Wildgrafenweg bei Hochstetten-Dhaun

Mittwoch, 08. Juli 2015: Mein dritter Urlaubstag möchte sinnvoll verbracht werden.
Beim Blick aus dem Fenster zeigt sich ein größtenteils blauer Himmel.
Die beiden Wetter-Apps meines Smartphones melden 16 bis 19 Grad bei teilweiser Bewölkung und niedriger Regenwahrscheinlichkeit.
Perfekte Vorzeichen also für eine Outdoor-Aktivität. Nachdem mir mein Kaffeeautomat ein herrliches, koffeinhaltiges Heißgetränk produziert hat, trete ich auf die Terrasse, wo mich ein kühler Wind empfängt. Nach den Hitze-Attacken der letzten Tage eine Wohltat. So kann es bleiben.
Heute soll es die "Vitaltour Wildgrafenweg" mit Start in Hochstetten-Dhaun sein, die vom Deutschen Wanderinstitut mit 58 Erlebnispunkten bewertet wurde.
Noch schnell einen zweiten Kaffee in Auftrag geben und die üblichen Dinge zusammensuchen, die anschließend im Rucksack verschwinden. Ganz wichtig… Flüssigkeit. Bei diesen Temperaturen genügt meine kleine Flasche, die ich mit einer Mischung aus Traubensaft, stillem Mineralwasser und einer Prise Salz fülle. 
Ich steige in meinen Wagen und 20 Minuten später findet man mich auf dem Wanderparkplatz "Hochstetten Geologischer Lehrpfad", der als offizieller Startpunkt empfohlen wird. Gleich fallen mir Hinweisschilder auf, die eine Umleitung des Einstiegs über den Lehrpfad ausweisen.

Nachdem ich einige Dinge wie Kamera, GPS-Gerät und Smartphone aus dem Rucksack genommen und am Tragegurt bzw. Gürtel befestigt habe, kann es losgehen. Ich entscheide mich, die Umleitung zu ignorieren und wähle den Einstieg der ursprünglichen Route, die auch so im Internet und der Karte bzw. Flyer eingezeichnet ist. Der Einsteig ist etwas schwer zu finden, muss man doch einen schmalen Pfad rechts an dem Haus mit der Nummer 14 vorbei einschlagen. Gleich zu Anfang ist ein kurzer Steilanstieg zu bewältigen. Danach fällt ein erster Blick nach rechts auf die Stiftskirche St. Johannisberg und die steinigen Flanken des Hellbergs. Mein Garmin Tempe meldet mir über mein Navigationsgerät eine Temperatur von 23 Grad, was auch eher meinem Empfinden entspricht, als die Vorhersage der Wetter-App. Man merkt an manchen Stellen deutlich, wie die Trockenheit der letzten Wochen ihren Tribut fordert. Viele Wiesen- und Weidenflächen sind ausgetrocknet und man vermisst das satte Grün.
Weiter führt der Weg über den Schifferberg zur Ruine Brunkenstein. Nicht mehr viel übrig ist von diesem Zeugen kriegerischer Auseinandersetzungen längst vergangener Zeiten. Ich stelle mir vor, wie die Burg einst ausgesehen hat und nehme mir vor, dies später im Internet zu recherchieren. Es geht weiter durch ein Waldstück zum nächsten Etappenziel, Schloß Dhaun.
Eingangsportal Schloß Dhaun
Hier lohnt ein Aufenthalt und ich begebe mich durch das imposante Eingangsportal zu einem Rundgang durch die Burganlage. Hier wäre ich lieber Burgherr als in der Ruine Brunkenstein. Mittlerweile werden mir 25 Grad angezeigt und ich öffne die Belüftung der Wanderhose.
Außer mir befindet sich hier niemand, überhaupt bin ich bisher keiner Menschenseele begegnet. Meine Suche nach dem Burgfräulein bleibt leider erfolglos.
Durch den malerischen Ort setze ich die Wanderung fort und muss auf Höhe der Dhauner Kirche, dem ehemaligen gräflichen Brauhaus, den zweiten Steilanstieg bewältigen.
Mein Blick schweift zurück zum Schloß, genauer zum Turmzimmer, aber immer noch kein Burgfräulein… na ja, hat vielleicht Berufsschule.
Weiter geht es bergauf.
Blick ins Nahetal

Bald werde ich mit einem schönen Fernblick ins Nahetal belohnt.
Der Wanderweg führt mich vorbei an der Sternwarte. Geradeaus oder links stelle ich mir die Frage und bin froh, die gps-Daten des Streckenverlaufs auf mein Navigationsgerät geladen zu haben, da kein Hinweisschild zu finden ist. Aha, scharf links, die K 9 queren und vorbei am Gemeinschaftshaus in den Wald. Die Temperatur hat sich mittlerweile auf angenehme 19 bis 20 Grad eingependelt. Ständig weht ein erfrischend kühler Wind.
Zwei Kilometer später trete ich aus dem Wald und links erstreckt sich ein Getreidefeld. Die Ähren haben lange Grannen von unterschiedlicher Länge, die sich rau anfühlen, wie Sandpapier - das muss Gerste sein. Ob damit wohl das gute Kirner Bier gebraut wird? Als kleiner Junge mochte ich die Ähren nie anfassen, weil ich Angst hatte, die Grannen würden in der Haut stecken bleiben.
Vorbei an der Gründung Karlshof verschwinde ich erneut in einem Waldstück Richtung Oberhausen. Zwei Frauen mit Hund kommen mir entgegen... klein (der Hund, nicht die Frauen), weiß-braunes Fell, es muss ein Jack-Russell-Terrier sein, denke ich, grüße freundlich und gehe weiter. Auch hier offenbart sich mir, nachdem ich aus dem Wald getreten bin, ein Getreidefeld. Erst etwas später sehe ich, dass links Weizen und rechts Roggen angepflanzt ist.
Roggen kann man auf dem Feld leicht mit Gerste verwechseln.
Man kann nicht Weizen säen und Roggen ernten

Die Grannen der Gerste sind sehr lang und von unterschiedlicher Länge. Die Grannen am Fruchtansatz sind länger als an der Spitze, sodass am Ende ein gleichlanger Abschluss zu sehen ist.
Beim Roggen kommt aus jedem Korn eine gleichlange Granne.
Hier könnte ich stundenlang stehen bleiben. Die Ähren des Roggen wiegen sich im Wind wie Wellen in einem goldenen Meer. 
Nachdem ich eine Weile den Anblick genossen und die Erinnerung in Form einiger Fotos festgehalten habe, mache ich mich weiter auf den Weg zum Hochstettener Wald, wo der Weg in das Itzbachtal mündet.
Am Waldrand entlang nähert sich der Weg dem Ort St. Johannisberg. Neben der Stiftskirche ist hier die neue Attraktion zu bestaunen. Am 20. Januar 2015 wurde die Aussichtsplattform – auch "Skywalk" genannt – am Felshang über dem alten St. Johannisberger Steinbruch hoch über dem Nahetal neben der 750 Jahre alten Stiftskirche St. Johannisberg eingeweiht und ist nun Bestandteil der Vitaltour "Wildgrafenweg".
Ausblick vom Nahe-Skywalk Richtung Kirn
Die Gesamtkosten für den Skywalk, der mit einer massiven Betonkonstruktion im Fels des ehemaligen Steinbruchs verankert ist und als touristisches Highlight Besucher locken soll, belaufen sich auf 228.000 Euro.
Die massiven Metallgitter des 15 Tonnen schweren Bauwerks aus verzinktem Stahl ragen 7,50 Meter über den Abgrund.
Der Skywalk bietet einen Panoramablick über das Nahetal. Unter der Plattform mit dem Glasgeländer geht es 60 Meter in die Tiefe, der Ausblick folgt dann weiteren 60 Metern Gefälle bis zur Nahe. 

Hier befindet sich auch das Landhaus St. Johannisberg, in dem man gutes Essen zu fairen Preisen bekommt, wie ich am 30. Mai mit einem befreundeten Pärchen testen konnte.
Gerne hätte ich mir ein alkoholfreies Weizenbier gegönnt, allerdings habe ich am heutigen Mittwoch den Ruhetag erwischt. Na ja, dann eben nicht. Noch ein paar Fotos, die letzten Tropfen aus der Flasche leeren, ein letzter Blick zur Kirche und es geht die letzten Meter hinunter zum Parkplatz. Mein BMW steht dort nun alleine, heute morgen hatte es noch die Gesellschaft eines anderen Autos. Ich überlege, welcher Wagen hier heute morgen stand… Fabrikat, Farbe... verdammt, ich kann mich nicht erinnern und muss einsehen, ein schlechter Zeuge bei Aktenzeichen XY ungelöst zu sein.

Zeit für ein Fazit: Dass ich mich mit dem mit 58 Punkten zertifizierten Wildgrafenweg für kein Sahnestück unter den Premiumwanderwegen entschieden habe, war mir vorher klar. Trotzdem möchte ich jedem Weg eine Chance geben und so hat mich heute der Wildgrafenweg auf seine eigene Art und Weise verzaubert.

Auf dem Rückweg halte ich in Kirn an und genehmige mir ein alkoholfreies Weizenbier der Kirner Privatbrauerei. Als die nette Bedienung auf mein leeres Glas schaut und mir ein freundliches "möchten Sie noch eins?" entgegenhaucht, lehne ich dankend ab, denn was soll ich mit einem zweiten leeren Glas???

Weitere Informationen, Fotos und GPS-Dateien unter
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=mivzjmhkywciekrg