Donnerstag, 17. September 2015

Passion Südtirol

(Fotos zum Vergrößern anklicken)
10. September 2015:
Südtirol, auf der Sonnenseite der Alpen, ist ein Paradies für Mountainbiker.
Das wissen wir und starten daher am 10. September zur von unserem Freitags-Tour-Guide organisierten Vier-Tages-Tour nach Brixen.
Um 05:15 Uhr steige ich in den Mercedes Vito eines Freundes, der mich an der Haustür abholt. Sieben Mountainbikes, eingeladen am Vorabend, haben in diesem Nutzfahrzeug ihren Platz gefunden und für Gepäck ist auch noch reichlich Luft.
Am nächsten Treffpunkt warten weitere Teilnehmer sowie der zweite Wagen.
In Monzingen steigt unser letzter Fahrgast mit der Nummer 7 zu, der noch ein zweites Frühstück aus der eigenen Bäckerei in Tüten packt. Schon geht die Fahrt Richtung Süden weiter.
Während sich die Sonne langsam am Himmel zeigt, steigt unsere Aufregung.
Der Blindsee beim Rasthof Zugspitzblick
Nicht weit hinter der Grenze fahren wir auf der bekannten Tiroler Fernpassstraße B 179 bei Reutte unter der längsten Fußgängerhängebrücke im tibetanischen Stil hindurch. Die erst Ende November 2014 eröffnete Brücke trägt - in Anlehnung an die Straße, die sie überquert - den Namen "highline179" und verbindet die Ruine Ehrenberg mit dem Fort Claudia. Ich kann meinen Blick kaum von der imposanten Konstruktion lösen, die sich knapp 115 Meter über uns befindet, denn die Brückenlänge beträgt stolze 406 Meter bei einem Eigengewicht von 70 Tonnen. Nach einigen kurzen Pausen haben wir um 11:30 Uhr den Rasthof Zugspitzblick erreicht. Auf der herrlichen Sonnenterrasse oberhalb des Blindsees genießen wir eine Stunde lang unsere Mittagspause und schwelgen in Erinnerungen, denn vor fast genau einem Jahr hatten vier Personen unserer Gruppe das Vergnügen, einen Teil der 17. Etappe des Adlerweges, der unter Bikern schlicht Blindsee-Trail genannt wird, zu fahren. Es handelt sich um einen in traumhafter Landschaft eingebetteten Trail mit steilstem Sinkflug in Richtung Blindsee. Der smaragdgrüne und von den Bergmassiven der Mieminger Kette eingebettete See wirkt fast surreal. Die Szenerie erinnert an Werbebilder aus Kanada oder Alaska. 
Vier Portionen Kasspatzl’n und drei Tiroler Gröst’l sorgen für ein angenehmes Sättigungsgefühl. Dazu Kaltgetränke, Kaffee und Capuccino.
Fast genau um 15:00 Uhr ist das Ziel, Hotel Fernblick in St. Leonhard bei Brixen, erreicht, wo wir vom Sitz in den Sattel wechseln. Zimmer sind erst ab dem nächsten Tag gebucht und so bleibt das Gepäck vorerst in den Autos. Räder raus, Rucksäcke auf und los geht es zur ersten Tour bei geschätzten 20 Grad und leicht bewölktem Himmel. 
Vor der großen Herausforderung an der Talstation

Bei unserer Alpenüberquerung im September 2014 befanden wir uns in der Luftlinie nur ca. 38 Kilometer westlich von Brixen gelegenen Stadt Meran, die uns als Stopp zwischen der dritten und vierten der insgesamt fünf Etappen diente. 
Über St. Andrä fahren wir zur Talstation der Plose-Seilbahn, wo das Thermometer noch 14 Grad zeigt. Wer möchte, kann die etwa 980 Höhenmeter zur Bergstation mit der Kabinenbahn auf einer Strecke von rund 2.670 Metern zurücklegen.
Als gut trainierte Hunsrück-Biker macht hiervon allerdings niemand Gebrauch und so nehmen wir den knapp neun Kilometer langen Anstieg über die Rodelbahn WoodyWalkzu siebt in Angriff.
Blick ins Eisacktal

Etwas oberhalb der Trametschhütte kommen uns die ersten Mountain-Carts entgegen, jene dreirädrigen Gefährte, die man mieten und mit ihnen die Rodelbahn hinuntersausen kann - sicher ein tolles Erlebnis. Diese Go-Karts der Berge werden uns heute noch öfter begegnen.
Mühsam erkämpfen wir uns auf der serpentinenartigen Strecke Höhenmeter um Höhenmeter. Mein 30-Liter-Rucksack wiegt – obwohl sich nur das Nötigste darin befindet – genau 6,0 kg… dabei habe ich doch mein Beautycase und die Angora-Unterwäsche extra schon zu Hause gelassen. Unsere Räder setzen Muskelkraft in Bewegung um und ständig habe ich das Gefühl, vom Gewicht des Rucksackes talwärts gezogen zu werden. Am Himmel zeigen sich mehr und mehr dunkle Wolken. An manchen Hängen um uns herum scheint es zu regnen und auch Donner ist zu hören.
Auf dem WoodyWalk kurz vor dem Regen

Am Parkplatz bei der Après-Ski-Hütte „’s Stübele“ unterhalb der Bergstation angelangt, spürt man, dass es deutlich kühler geworden ist. Nur noch knapp 4 Grad werden mir auf Nachfrage gemeldet. Also nicht lange rumstehen, sondern weiterfahren. Kaum nach rechts auf den Waldweg „WoodyWalk“ abgebogen, spüren wir den ersten Nieselregen auf unserer Haut. Noch knapp 5 Kilometer sind es bis zur Schatzerhütte. Die Kälte zieht in den Körper und so werden Wind- und Regenjacken ausgepackt. Spätestens jetzt weiß jeder, warum man in den Alpen – egal ob als Wanderer oder Mountainbiker – Kleidung für alle Eventualitäten mitführen sollte, denn innerhalb kürzester Zeit ist ein Wetterumschwung möglich. 
Das Glück ist auf unserer Seite und so bleibt es bei leichtem Nieselregen, bis wir die Schatzerhütte erreichen. 
Schatzerhütte - Bilder sagen mehr als Worte

Zuerst melden wir uns beim Hüttenwirt, verschaffen uns einen Überblick, verstauen die Räder und verschwinden dann in unseren Unterkünften, um eine heiße Dusche zu genießen.
Die Schlafplätze vom Zweibett-Zimmer bis zum Vierbett-Zimmer bzw. Lagerbett im Nebengebäude beschränken sich angenehm auf das Wesentliche. Sie sind einfach, aber nett. Bad und Toiletten befinden sich, wie es in Berghütten üblich ist, nicht auf den Zimmern.
Ein Teil von uns bezieht ein Vierbett-Zimmer, von dem zwei nebeneinander liegend in den neueren Hütte untergebracht sind, die im angrenzenden Umfeld errichtet wurden. Hier befinden sich die sanitären Anlagen im Zimmer und man wird im Bad mit einer Fußbodenheizung verwöhnt.
Sogar über „vollwertige“ Betten mit Bezug kann man sich freuen, was die Mitnahme eines Hüttenschlafsackes, der bei den allermeisten Hüttenwirten zur Pflicht geworden ist, entbehrlich macht. Ebenso wird ein Handtuch gestellt also auch etwas, das man nicht im Rucksack mitführen muss.
Aferer Geisler mit seinen Haifischzähnen

1.280 überwundene Höhenmeter auf einer Streckenlänge von knapp 19 Kilometern haben Körner gekostet. Wir gehen zum Abendessen in die kleine, urige Bauernstube mit Kachelofen, die schön rustikal wirkt. Der Regen ist mittlerweile stärker geworden. 
Die erste Runde Getränke wird bestellt. Speisekarte? Auswahl? Fehlanzeige! 
Weil wohl auch für den Besitzer der Hütte der Weg von oben nach unten oder umgekehrt ein wenig lästig ist, wird fast alles angebaut und selbst hergestellt. Was da ist bzw. was gerade reif ist, wird verarbeitet. Man hat den Eindruck, nicht du wählst das Essen, sondern das Essen wählt dich.
Bald schon zieren drei Porzellanschüsseln unseren Tisch, darin Salzkartoffeln, Paprika-Tomaten-Auflauf mit Zwiebeln und gekochtes Rindfleisch. Das Fleisch, das mich an Tafelspitz erinnert, zerläuft wie warme Butter im Mund. Wenig später ist nichts mehr vom köstlichen Mahl übrig.
Freude bereitet uns auch die überaus nette, freundliche, hübsche, junge Bedienung, die ihr Handwerk versteht und die mit geschätzten 50 bis 60 Personen voll besetzte Hütte im Griff hat.
Mein Blick schweift umher und erfasst den auf einer Holztafel verewigten Spruch: „Sauf bis dass die Nase leuchtet, hell wie ein…“ wie ein was? Karfunkel? Dieses Wort ist mir nicht bekannt. Sollte ich die verschnörkelte Schrift falsch gelesen haben? Erst als die Jungs mir erklären, was sich hinter einem Karfunkel verbirgt, macht das Ende des Spruches „…auf dass du etwas Farbe bringst, in des Daseins Dunkel“ Sinn. Man lernt nie aus.
Ob der Name des Musiker-Duos Simon & Karfunkel davon abgeleitet wurde, lasse ich an dieser Stelle offen.
Lange halten wir es nicht mehr aus und gehen mehr oder weniger müde Richtung Hütten. Die Nacht verbringe ich im bequemen Hochbett, unterbrochen lediglich von den Geräuschen einiger verirrter Personen, die versuchen, in unser Schlafgemach einzudringen. Laute Gespräche und die vergeblichen Versuche, die Tür zu öffnen, reißen mich aus dem Schlaf. Ob übermäßiger Alkoholkonsum Ursache für die Verneblung der Sinne ist? Kaum ist mein Entschluss gefasst, die Leiter hinunterzusteigen, um die Sache zu klären, verstummen die Geräusche. Ist jedenfalls gut, womöglich wäre ich noch zu Tode gestürzt.

11. September 2015: 
Ganz ohne Wecker öffnen sich meine Augen um kurz vor 07:00 Uhr.
Unruhig steige ich die Leiter hinunter, schlüpfe in Kleider und Schuhe, trete aus der Tür, begebe mich auf Entdeckungstour und erlebe einmal mehr, was der frühe Morgen denen schenkt, die schon wach sind.
Außer der Veranda lädt auch das Außengelände mit Sitzgelegenheiten aus massivem Holz die Gäste zum Verweilen ein. Ein paar Minuten bleibe ich hier, spüre jeden Regentropfen auf meinem Körper. 
Hinter dem Haus steht ein Holzbackofen, in dem das Brot für den Eigenbedarf gebacken wird.
Früh morgens bei der Schatzerhütte

Die Sonne erscheint am Himmel, vertreibt die grauen Wolken, und es klart auf. Das Tal ist in Nebel getaucht.

"In der Schatzerhütte auf der Plose bei Brixen ist man dem Himmel so nah", heißt es.
Das kann ich unterschreiben. 
Die Schatzerhütte, 1926 vom Großvater des Hüttenwirts Franz Pernthaler erbaut, ist ein Ort der Stille.
Früher wohnten hier oben Hirten, hüteten das Almvieh und produzierten Käse. Die Hütte diente zunächst nur der Bewirtschaftung der Almwiesen des Schatzerhofes in den Sommermonaten. Heute machen sich Großstadtmenschen hier oben eine schöne, stressfreie Zeit. 
Sie sei das Paradies auf Erden, meinen manche Bergfreunde. Das untermauert nicht nur die faszinierende Lage der auf 2.004 Metern liegenden Hütte in den Dolomiten ganz in der Nähe von Brixen, am südlichen Fuß des Großen Gablers (Plose), zwischen dem 2.875 Meter hohen Peitlerkofel, der das nördliche Ende der Südtiroler Dolomiten markiert und der Aferer Geisler, dessen höchster Gipfel mit 2.652 Meter der Tullen ist, sondern sicher auch die ursprüngliche Gemütlichkeit sowie die herausragende Qualität der Küche.
Gleich gibt's Frühstück

Die Gegend ist sehr malerisch. Trotzdem male ich nicht sondern knipse lieber mit der Kamera.
Meine Eindrücke und Emotionen mit Worten zu beschreiben gestaltet sich genauso schwierig, ja fast unmöglich, als wolle man den Geschmack von Mountain Dew erklären. 
Jean Michel Jarres Album "Musik aus Zeit und Raum" wäre die perfekte Musik zu dieser Szenerie.
Ich frage mich, ob eine Berghütte idyllischer liegen kann und Erinnerungen an unsere Alpenüberquerung mit den Mountainbikes im September 2014 werden wach, wo wir während der zweiten der insgesamt fünf Etappen von Pfunds nach Glurns die Uina Dadaint sowie die auf 2.256 Metern gelegene Sesvennahütte zum Einkehren und Erholen nutzten. 
Hier auf der Schatzerhütte bekommt bei dieser Kulisse und der sauberen Bergluft alles um einen herum ein ganz besonderes Flair. Schnell befindet man sich hier an einem Punkt, der einen kurz an allem zweifeln lässt, was man bis dato kannte.
Kein Straßenverkehr, keine elektronischen Medien, aus Bergbächen trinken, Kühe streicheln, auf der Wiese liegen, faszinierende Sonnenuntergänge und -aufgänge beobachten oder einfach nur dastehen und tief durchatmen. Um Herbert Grönemeyers Worte zu verwenden: "Du lässt mich alles vergessen, was in meinem Kopf rumsteht."
All das ist hier möglich – wunderbar.
Die Frage ist falsch gestellt, wenn ich nach dem Sinn des Lebens frage.
Das Leben ist es, das Fragen stellt. 
Guter Bulle, böser Bulle

Langsam erwacht das Umfeld um die Hütte. Die Männer von den billigen Plätzen gehen im Gänsemarsch zu den Sanitärräumen. Frühstück gibt es offiziell erst gegen 08:30 Uhr, ungewöhnlich spät, allerdings dürfen wir schon früher am Tisch Platz nehmen und Kaffee genießen. Abendessen sowie Frühstück sind im Preis von 65,00 Euro pro Person und Nacht enthalten. Was der Sinn des Lebens ist, weiß wohl niemand genau, bzw. ist es subjektiv zu betrachten. Jedenfalls hat es wenig Sinn, der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein. 
Daher kostet es nicht viel Überwindung, 4 Euro extra für einen frisch gepressten Orangensaft und 1 Euro für ein Frühstücksei zu zahlen.
Hier oben empfinde ich es gleichermaßen simpel wie perfekt.
Sei es der frische Kaffee am Morgen, die hausgemachte Marmelade auf dem frisch im Ofen gebackenen Brot oder das einfache, rustikale Abendessen.
So wundert es nicht, dass der Blick eines weinenden Auges zurück fällt, als wir um kurz nach 10:00 Uhr zu unserer Tour starten.
Meine zufriedene Ausgeglichenheit kann mir jedenfalls niemand mehr nehmen. 
Wir brauchen kein Ziel wir befinden uns bereits am Ziel, denn wir sind unterwegs, so meine Gedanken. 
Anstieg am Würzjoch

In östlicher Richtung fahren wir über den Gampenwiesenweg, wo uns nach kurzer Zeit ein Bulle mit vier Kälbern den Weg versperrt. Er scheint friedlich zu sein und geht zur Seite – gut so, denn es möchte sich wohl niemand ernsthaft mit ihm anlegen. Langsam fahren wir vorbei während zwei der Kälbchen die Flucht nach vorne antreten. Hoffentlich fühlt sich der Bulle jetzt nicht in Stress versetzt oder wittert Gefahr für die Kleinen, das wäre schlecht für uns.
Nach etlichen Metern verschwinden die Kälbchen nach rechts im Wald und wir können endlich vorbei. Ein toller Trail bringt uns zur Lasanke, die auch Lasankenbach oder Lüsner Bach genannt wird. Jetzt folgt der Anstieg am Würzjoch, dessen Passhöhe sich auf 2.003 Metern befindet. Ein kleines Problem an meiner Schaltung und auch der spätere Kettenriss (bei wem wohl rohe Kräfte…?) stellt für unseren Chefmechaniker keine Herausforderung dar.
Leckerer Hopfen-Smoothie

Weiter geht es vorbei an der Turnaretschhütte, die leider derzeit nicht bewirtschaftet ist, nach Lüsen, wo wir um 13:50 Uhr im Außenbereich des wunderschönen Lüsner Hofs zur Mittagspause Platz nehmen. Auch hier werden wir freundlich bedient und genießen Getränke, diverse Speisen und Sonnenstrahlen. Meine Wahl, die ich später keinesfalls bereuen werde, fällt auf Schlutzkrapfen aus Vollkornmehl mit Almkäsefüllung und Olivenöl. Auch Kaiserschmarrn wird ein paar Mal zu unserem Tisch gebracht. Wie in dieser Gegen üblich, ist man als Wanderer und Biker ein gern gesehener Gast, egal ob sauber oder völlig verdreckt… eben echte Tiroler Gastfreundschaft.
Der Rest der Strecke führt auf asphaltierten Straßen zunächst nach St. Andrä. Ich ahne, was nun folgt, sind wir die Strecke doch am ersten Tag in entgegen gesetzter Richtung gefahren… ein steiler Anstieg wird uns fordern bevor wir nach rund 47 Kilometern und 1.250 Höhenmetern in St. Leonhard am Hotel ankommen, wo wir uns nach auf einige kühle Biere in der Sonne freuen, die wir in den gemütlichen Lounge-Möbeln vor dem Hotel genießen.

Einer jedoch kann sich weniger freuen, muss er sich doch auf den Weg nach Brixen machen, um in einem der unzähligen Fahrradläden Bremsbeläge für seine Formula R1 zu finden.

12. September 2015: 
Die heutige Tour könnte man mit dem Namen "Trails zum Telegraph-Plosegipfel und retour“ beschreiben.
Nach dem Frühstück ist erst mal Service angesagt. Ketten werden geölt, damit der Staub auch schön dran kleben bleibt und die gestern neu erstandenen Bremsbeläge werden eingebaut… oh Mann, die hatte es aber bitter nötig.

Endlich geht es los zur Talstation der Kabinen-Seilbahn. Da wir die mühsamen Höhenmeter am Donnerstag auf ehrliche Weise zurückgelegt haben, nehmen wir nun die Seilbahn, die uns mitsamt den Rädern zur Bergstation bringt.
Gerne würde ich mir ein Mountain-Cart mieten, aber dafür bleibt wohl keine Zeit.
Über den Waldpfad "WoodyWalk" und später auf Weg Nr. 17A fahren wir drei Kilometer aufwärts zur Rossalm.
An der Bergstation der Plose-Seilbahn
Von hier gelangen wir auf dem Dolomiten Panoramaweg langsam weiter aufwärts bis zur Gableralm, die auch leider nicht bewirtschaftet wird. Irgendwie geht es nicht mehr weiter aufwärts. Ein Blick auf die Karte verrät, dass der Wanderweg nur bergab führt. Also wieder zurück zum Abzweig und weiter über den Dolomiten Höhenweg 2 Richtung Plosehütte. Die Trails auf diesem Stück sind schwierig. Verblockte Stellen zwingen teilweise zum Absteigen.

Außerdem spürt man mit zunehmender Höhe die etwas dünnere Luft hier oben.
...noch weiter hoch?

Die Plosehütte auf dem Gipfel der Plose liegt 2.447 Meter über dem Meerespiegel und somit rund 400 Meter höher als die Grubighütte auf dem Grubigstein in Lermoos, von wo aus wir im September 2014, nach der anstrengenden Bezwingung des Berges mit unseren Mountainbikes (man hätte es mit dem Skilift einfacher haben können), mit einem faszinierenden Blick auf die Ammergauer Alpen, das Wettersteinmassiv mit der Zugspitze und die Mieminger Kette belohnt wurden.
Wir nähern uns der Gableralm
Der Betreiber gibt die Höhe mit 2.050 m an und nennt sie Grubighütte, der offiziellen Karte entnimmt man 2.028 m und Grubigsteinhütte.


Genug Exkurs… wer den Gipfel der Plose erreicht hat, wird nicht nur mit einem besonders erhabenen Gefühl belohnt, sondern auch mit einem großartigen Rundumblick!
Auf der Internetseite liest man: "Auf unserer Hütte werden Sie mit einem sagenhaften 360° Dolomiten Panorama begrüßt, das Sie auf einen abwechslungsreichen Tag voller Action, Natur und guter Laune einstimmt. Von unserer sonnigen Terrasse aus haben Sie einen Ausblick über die Ötztaler, Zillertaler und Stubaier Alpen, Ortler-, Brenta-, Adamellogruppe und natürlich die Dolomiten.“
Die Spannung steigt... Konzentration sammeln
Wir treffen hier oben eine karge Vegetation an, nicht sonderlich grün und etwas öde. Außerdem bläst der Wind stark in dieser Höhe. Allerdings ist es gut vorstellbar, dass wir uns auf einem beliebten Skigebiet befinden, schließlich gilt die Trametsch bei Skifahrern weit über Südtirol hinaus als der Geheimtipp für tolle Abfahrten. Sie ist mit ihren insgesamt neun Kilometern nicht nur die längste Abfahrt in ganz Südtirol, sondern bleibt, dank der natürlichen Linienführung sowie der vielen interessanten Abschnitte, mit wenigen anderen Pisten Inbegriff sportlichen Skifahrens im gesamten Dolomitenraum.


Hier würde ich mich auch im Winter wohlfühlen, dann allerdings eher beim Après-Ski oder Schneemann bzw. Schneefrau bauen. Der Bau eines dieser Kultgebilde dauert angeblich etwa 30 Minuten länger, da man den Kopf noch aushöhlen muss. Leider fällt mir an dieser Stelle nicht ein, ob es sich um die männliche oder weibliche Variante handelt.
Voooorsichtig...

In der Plose-Hütte haben wir uns dann auch eine Pause verdient und freuen uns über gut gefüllte Teller. Nachdem sich unser Casanova von den drei Wanderinnen, denen wir heute schon einmal begegnet sind und die am Tisch neben uns Platz genommen haben, lösen kann, fahren wir über das Plose-Plateau weiter zum Telegraph-Plosegipfel, der sich auf 2.486 Metern Höhe befindet.

Nun folgt der imposanteste und gefährlichste Teil der Tour. Zwei Biker entschließen sich, auf einem sicheren Weg zurück ins Tal zu gelangen. In Filmen geht es nie gut aus, wenn sich eine Gruppe trennt. Aber überreden bringt nichts, dafür ist es zu gefährlich. Die restlichen fünf bleiben auf Weg Nr. 6. und rollen – umgeben vom Nebel des Grauens – auf dem schmalen Weg über den Bergrücken weiter.
Was ein Erlebnis...

Äußerste Vorsicht ist geboten. Wer hier stürzt, braucht wohl keine Hilfe mehr. Ein paar Hundert Meter weiter ist an Fahren nicht mehr zu denken. Steil geht es in engen Kehren abwärts. Große Steine und loses Geröll erschweren das Vorankommen. Dichter Nebel macht es nicht einfacher… ein wahnsinniges Gefühl…wie in einem Horrofilm. Die wenigen Wanderer fragen stutzig, was wir hier mit Rädern wollen und halten uns wohl für verrückt. Trotzdem kommen wir schneller voran als sie. Unsere Bikes fungieren als Stütze und bremsen können wir damit auch noch.
Endlich geht es wieder in den Sattel und der schöne, aber leider zu kurze Trail, führt uns direkt zur Ochsenalm.
The Fog - Nebel des Grauens

Von hier aus sind es noch rund 5 Kilometer zum Ausgangspunkt, die weiter über Weg Nr. 6 bis zum Hotel führen. Steile und teils mit großen Felsbrocken übersäte Wege fordern volle Konzentration. Ein Platten hält uns noch einige Minuten auf, bis wir dann nach 25 Kilometern am Hotel angelangt sind. Wie am gestrigen Tag genießen wir einige Biere in bewährter Umgebung und während des Abendessens werden zwei Flaschen Rotwein geopfert.

Jemand kommt irgendwie auf das schmale Brett und möchte in die Bar. Eine gute Idee, denn lustig ist es allemal… Jacky-Whiskey sei Dank!

Techniktraining... wenden in drei Zügen

13. September 2015: 
Was soll ich sagen? „Schade“ beschreibt es wohl am besten. Es geht nach Hause… und das auch noch quälend lang. So kurz und umkompliziert die Hinfahrt war, so lange und anstrengend gestaltet sich der Rückweg. Bedingt durch Stau und zähfließenden Verkehr nimmt die Fahrt zehn Stunden in Anspruch, und das bei nur einer Pause. Für den Rest muss die Tüte HARIBO Color-Rado im Handschuhfach des Vito herhalten.

Ein Dank gebührt allen Beteiligten. Es war schön mit euch und ihr habt mir unvergessliche Momente beschert - gerne wieder!


Ich schließe diesen Post mit einem Spruch, der Wilhelm Busch zugesprochen wird. 
„Viel zu spät begreifen viele die versäumten Lebensziele:
Freude, Schönheit und Natur, Gesundheit, Reisen und Kultur.
Darum, Mensch, sei zeitig weise! Höchste Zeit ist’s! Reise, reise!“