Montag, 29. August 2016

You'll never walk alone

„Geh' weiter, geh' weiter, mit Hoffnung in deinem Herzen - und du wirst nie alleine gehen!“

An dieses Lied, das auch in der laufenden Saison wieder von tausenden Fans in den Fußballarenen gesungen wird, musste ich denken, als am 26. August die Fußball-Bundesliga 2016/2017 begann.
"You'll never walk alone". Ohne Vorsänger, wie auf ein Kommando, wird es von der dicht gedrängten Masse vor den Spielen angestimmt.

Begonnen hat es in Liverpool, doch schon bald sangen auch Fans in anderen Städten und Ländern das Lied.
Es erzählt vom silber-süßen Gesang der Lerche und passt für mich eigentlich überhaupt nicht in eine Sportart, die nicht gerade für leise Töne und Feinsinn bekannt ist.
Der Kultsong erblickte im April 1945 das Licht der Welt, als das Musical "Carousel" am New Yorker Broadway Premiere feierte.
Es geht darin um einen jungen Mann, der sich zu einem Raubüberfall verleiten lässt, weil er seine Arbeit auf dem Jahrmarktkarussell verloren hat. Auf der Flucht bringt er sich vor der Verhaftung selbst um.
Aus dem Himmel schaut er zu, wie die anderen Kinder seine Tochter hänseln. Deshalb bekommt er die Erlaubnis, für einen Tag zurückzukehren. Er erscheint zu ihrer Schulabschlussfeier, und die ganze Klasse verspricht, dass seine Tochter Louise ihren Lebensweg niemals allein gehen wird. Hart am Kitsch vorbei oder schon mittendrin?
 

Aber "You'll never walk alone" ist auch ein Lied über das Leben und passt wohl deshalb so wunderbar in ein Fußballstadion. Es geht um Widrigkeiten und Rückschläge, darum, niemals aufzugeben, die Hoffnung nicht zu verlieren und an seinen Träumen festzuhalten.
Das Lied spricht von dem, was im Fußball und im Leben ganz allgemein für jeden total wichtig ist, damit man gewinnt: Gemeinschaft, Zusammenhalt und Uneigennützigkeit.

Geh' weiter durch den Wind, geh' weiter durch den Regen - obwohl deine Träume verworfen und weggeblasen sind!
Geh' weiter, geh' weiter, mit Hoffnung in deinem Herzen - und du wirst nie alleine gehen!"

Dienstag, 23. August 2016

Es hat sich doch gelohnt!

Erinnern Sie sich noch an die Ice Bucket Challenge? Im Sommer 2014 ließen sich reihenweise Menschen dabei filmen, wie sie sich Kübel mit Eiswasser über den Kopf schütteten. Christiano Ronaldo, Helene Fischer, Bill Gates, und sogar Barack Obama holten sich die Dusche ab. Wer „geduscht“ hatte, nominierte andere für dasselbe Schicksal. Ertragen musste man diese Bilder in dem Jahr auf allen Kanälen. Mit der Zeit wurde das Ganze etwas uninteressant und als sich dann Donald Trump von zwei Schönheitsköniginnen die blonde Tolle ruinieren ließ, fand ich es dann alles richtig nervig.

Der Hintergrund der ganzen Duscherei war aber ein durchaus ernster. Es sollte auf die neurologische Krankheit ALS aufmerksam machen und Spenden für die Erforschung der Krankheit gesammelt werden. Die Aktion brachte damals rund 190 Millionen Euro ein.

Bei ALS verlieren Zellen im zentralen Nervensystem, die für die Bewegung zuständig sind, ihre Funktion. Der Patient wird gelähmt. Das kann in den Händen, in den Beinen oder beim Sprachapparat beginnen. Irgendwann ist die Atemmuskulatur betroffen und der Erkrankte stirbt. Doch während er seinen Körper nach und nach nicht mehr bewegen kann, bleibt er geistig fit und bekommt alles mit. Eine schreckliche Vorstellung.
Jetzt scheint sich das ganze Spektakel gelohnt zu haben. Ein Forschungsprojekt, das unter anderem mit dem Geld aus der Ice Bucket Challenge finanziert wurde hat ein neues Gen gefunden, das mit der Krankheit in Verbindung steht. Die Forscher sagen, dass genau in dem Gen die Krankheit startet. Deshalb ist diese Entdeckung so wichtig. Wenn fest steht, was die Ursache der Krankheit ist, können Medikamente entwickelt werden, um die Auslöser zu bekämpfen und die Erkrankten irgendwann vielleicht zu heilen.

E
in kleiner Schritt nur, aber für die Betroffenen ein Hoffnungsschritt. Dafür hat sich, im Nachhinein betrachtet, das ganze Theater doch gelohnt!

Dienstag, 16. August 2016

Auch ungelebtes Leben geht zu Ende

„Auch ungelebtes Leben geht zu Ende
zwar vielleicht langsamer wie eine Batterie
in einer Taschenlampe, die keiner benutzt

 
Aber das hilft nicht viel:
Wenn man (sagen wir einmal) diese Taschenlampe
nach so- und so vielen Jahren anknipsen will
kommt kein Atemzug Licht mehr heraus
und wenn Du sie aufmachst
findest Du nur Deine Knochen
und falls Du Pech hast
auch diese schon ganz zerfressen
 

Da hättest Du genau so gut leuchten können.“

Erich Fried vergleicht damit ungelebtes Leben mit einer Taschenlampe, die nicht leuchtet.
Diese Taschenlampe - und damit auch das ungelebte Leben – halten zwar länger, werden aber schwierig bis gar nicht wieder zum Leuchten gebracht werden.

Ich glaube, er hat absolut Recht.
Wir können nicht einfach meinen, so ungeschoren durchs Leben zu kommen.

Wir haben keinen Anspruch darauf, gesund zu bleiben oder besonders alt zu werden.
Jeder von uns wird früher oder später sterben, keine Frage.

Jemand hat mal gesagt: "Das Leben ist wie der Aufenthalt in einem brennenden Haus."
Das Feuer wird mit unserer Geburt gelegt und wir wissen, dass das Haus eines Tages einstürzen wird.
Wir wohnen darin, hängen Bilder an die Wände, darunter noch Tapeten, stellen Blumen auf die Tische - und das ist auch gut so.
Wir richten uns ein - in dieser Zeit und in diesem Haus, obwohl wir wissen, dass es früher oder später ganz sicher einstürzen wird.
Ich finde ganz bemerkenswert, was er hier sagt.
Wir stehen vor der Wahl. Entweder versuchen wir, unser Leben zu schützen, auch auf die Gefahr hin, so zu sein, wie die Taschenlampe, die wir in die Schublade legen.... immer nur zu sichern und zu sparen.
Was passiert? Auch die Lampe wird ihr Licht verlieren, aber sie hat zwischendurch nicht geleuchtet.
Wir können es anders sagen: "Wir haben nicht gelebt."
Wir können ständig darum kreisen, was uns alles passieren könnte. Aber diese Einschätzung ist nicht einmal objektiv.
Es ist viel gefährlicher, am Straßenverkehr teilzunehmen, ob mit dem Auto, dem Fahrrad oder als Fußgänger; und trotzdem wird niemand auf die Idee kommen, deshalb nur noch zu Hause zu bleiben.
Wir hätten das Leben verpasst und am Ende auch nichts gewonnen.

"Ein Schiff ist im Hafen sicher,
aber dafür wurde es nicht gebaut."
 
Deshalb hoffe ich, dass wir auch jetzt, in dieser Zeit voller Angst vor Terrorismus und Anschlägen, weiterleben. Leben ist auch immer Risiko und wenn wir uns diesem Risiko nicht aussetzen, dann werden wir auch nicht richtig leben können.
Weiterhin hoffe ich, dass wir unsere Freiheit, die ein großes Gut ist, nicht völlig in Frage stellen. Manchmal realisieren wir nicht, dass wir in einer freien Gesellschaft leben, und somit zu den privilegierten Menschen dieser Erde zählen.

Es gibt einen Bibelvers im Johannes-Evangelium: "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden."
Es ist wirklich so. Wir werden in der Welt immer Angst haben. Das ist Grundbedingung unseres Daseins. Es gehört zu unserer körperlichen Grundausstattung. Aber wir müssen auch zusehen, dass wir es ausbalancieren können und dass der große Rahmen stimmt.
Wir sollten uns in diesem Rahmen bewegen und unser Leben genießen. Wir sollten realisieren, dass wir nicht aus ihm "herausfallen" können, weil wir in etwas viel größerem aufgehoben sind und es gar kein "außerhalb" gibt.


Am Grab der meisten Menschen
trauert, tief verschleiert,
ihr ungelebtes Leben.

Sonntag, 7. August 2016

Die analoge Oase

Ich schreibe gerne. Und ich genieße die Vorzüge des digitalen Zeitalters.
Die Erfindung des Computers und damit die Möglichkeit, Texte immer wieder verändern und korrigieren zu können, empfinde ich als echte Befreiung.
Wie sehr habe ich mich noch als Schüler mit Tintenkiller und Tipp-Ex gequält. Wie viele Seiten habe ich gleich mehrfach abgeschrieben, weil mir etwas Neues eingefallen war, ich ein Wort oder einen Satz vergessen oder einen Fehler gefunden habe.

Das Schreiben mit PC ist ein Prozess. Ich muss mir vorher keinen genauen Plan machen. Ich darf kreativ und spontan sein, darf meinen Gedanken freien Lauf lassen. Schließlich kann ich ja bei Bedarf alles mühelos löschen oder korrigieren.

Und dennoch liebe ich es, mit Bleistift zu schreiben. Nicht mit Kuli oder Füller, nein, mit dem schnöden, altmodischen Bleistift. Am liebsten mit Härte B.


Er ist ausdauernd, anspruchslos, klimafest, schreibt selbst unter Wasser und im Weltall - in der Schwerelosigkeit und im Vakuum. Welches andere Schreibgerät kann das von sich behaupten als der Bleistift, dieses sympathische Multitalent?


Ich mag es, wenn die Mine auf dem Papier schabt. Ich mag das leise Schabgeräusch und den speziellen Geruch von Holz und Graphit, der besonders beim Anspitzen zur Geltung kommt.
Einen Bleistift in der Hand zu halten ist ein schönes Gefühl. Ein Stück Analogie in einer digitalen Welt. In einer Welt, in der die meisten nicht mehr verstehen, woher die Buchstaben auf dem Computerbildschirm kommen und wie der Drucker weiß, was er ausdrucken soll, ist so ein Bleistift eine kleine Oase.


Ich denke ein Wort, ich setze ihn an, von der Mine wird schwarzer Staub abgeschabt, der als Wort auf dem Papier hängenbleibt. Wenn ich fester drücke, wird das Wort hervorgehoben - wer Stenografie beherrscht, weiß, wovon ich rede.

Ganz einfach, ganz verständlich.

Vielleicht müssen wir uns ab und an solche Ausflüge schenken. In das Einfache, Simple, Durchschaubare, in das, was wir verstehen.

Dann ist es auch wieder besser auszuhalten, das digitale Zeitalter.

Montag, 1. August 2016

Mein Leben als Hybrid-Mensch

Mein Leben - etwa die Hälfte davon habe ich analog gelebt.
Im Wohnzimmer meiner Eltern stand ein dickes Lexikon.
Wenn ich eine Telefonnummer gebraucht habe, musste ich im Telefonbuch suchen.
Zuhause haben wir „Vier gewinnt“, „Spiel des Lebens“ oder „Monopoly“ gespielt, und wenn wir in Urlaub fuhren, hat mein Vater vorher die Straßenkarten studiert und die beste Route rausgesucht.


Dann kamen Internet und Mobiltelefone. „Düdeldü“ hörte man damals das Modem. Mein erstes Mobiltelefon hatte noch eine ausziehbare Antenne und ein zweifarbiges Display. Wir surften mit einem 56k-Modem, Internetseiten bauten sich zeilenweise auf und wer morgens völlig übermüdet wie ein Zombie durch die Gegend lief, war schnell entlarvt. Klar, er saß nachts am PC, weil Telefongebühren und Strom um diese Zeit günstiger waren… Flatrate? Smartphones? Fehlanzeige!
Aber die Entwicklung ging schnell - rasend schnell.


Seit mein digitales Leben begonnen hat, ist alles anders. Seitdem logge ich ein, sende, empfange, klicke, scrolle, like, teile. Wenn ich drei Balken habe, dann bin ich drin, kann alles abrufen, bin mit allen vernetzt und bekomme jede Information innerhalb weniger Klicks.

Nun ist auch noch die vielbeschworene Apple-Watch erhältlich. Mit dieser Uhr kann man auch Termine und Mails checken. Bald soll man sogar an der Kasse damit zahlen oder seine Gesundheitsdaten erfassen können. Die digitale Welt hält Einzug am Handgelenk. Nun muss jeder selbst entscheiden, welche Uhr er tragen und auf was er sich einlassen möchte oder nicht.


Und trotz der Vorteile des digitalen Lebens genieße ich auch ab und an die Einsamkeit der analogen Welt.
Das Funkloch, das mich dazu zwingt, abzuschalten, die Plätze, an denen online nichts geht. Kein Internet, kein WhatsApp, keine Verbindung.
Weil es nicht geht, weil es verboten ist, oder weil es sich nicht gehört. Im Flugzeug, im Hallenbad, im Kino, in der Kirche.

Ich bin froh, so ein Hybrid-Mensch zu sein. Dass ich auch noch die analoge Welt kenne, dass es eine Zeit vor dem „Düdeldü“ gab, an die ich mich ab und zu auch noch gerne erinnere.

Ich finde Internet und Smartphones gut und sie gehören zu meinem Leben, aber sie sind nicht mein Leben, denn das kann sich nur in der analogen Welt abspielen.
Hauptsache, alles hat seine Zeit. Und mein Leben wird nicht nur vom Takt der Uhr oder den Nachrichten auf dem Display bestimmt, sondern ich kann Zeit als Geschenk erleben.