Dienstag, 16. August 2016

Auch ungelebtes Leben geht zu Ende

„Auch ungelebtes Leben geht zu Ende
zwar vielleicht langsamer wie eine Batterie
in einer Taschenlampe, die keiner benutzt

 
Aber das hilft nicht viel:
Wenn man (sagen wir einmal) diese Taschenlampe
nach so- und so vielen Jahren anknipsen will
kommt kein Atemzug Licht mehr heraus
und wenn Du sie aufmachst
findest Du nur Deine Knochen
und falls Du Pech hast
auch diese schon ganz zerfressen
 

Da hättest Du genau so gut leuchten können.“

Erich Fried vergleicht damit ungelebtes Leben mit einer Taschenlampe, die nicht leuchtet.
Diese Taschenlampe - und damit auch das ungelebte Leben – halten zwar länger, werden aber schwierig bis gar nicht wieder zum Leuchten gebracht werden.

Ich glaube, er hat absolut Recht.
Wir können nicht einfach meinen, so ungeschoren durchs Leben zu kommen.

Wir haben keinen Anspruch darauf, gesund zu bleiben oder besonders alt zu werden.
Jeder von uns wird früher oder später sterben, keine Frage.

Jemand hat mal gesagt: "Das Leben ist wie der Aufenthalt in einem brennenden Haus."
Das Feuer wird mit unserer Geburt gelegt und wir wissen, dass das Haus eines Tages einstürzen wird.
Wir wohnen darin, hängen Bilder an die Wände, darunter noch Tapeten, stellen Blumen auf die Tische - und das ist auch gut so.
Wir richten uns ein - in dieser Zeit und in diesem Haus, obwohl wir wissen, dass es früher oder später ganz sicher einstürzen wird.
Ich finde ganz bemerkenswert, was er hier sagt.
Wir stehen vor der Wahl. Entweder versuchen wir, unser Leben zu schützen, auch auf die Gefahr hin, so zu sein, wie die Taschenlampe, die wir in die Schublade legen.... immer nur zu sichern und zu sparen.
Was passiert? Auch die Lampe wird ihr Licht verlieren, aber sie hat zwischendurch nicht geleuchtet.
Wir können es anders sagen: "Wir haben nicht gelebt."
Wir können ständig darum kreisen, was uns alles passieren könnte. Aber diese Einschätzung ist nicht einmal objektiv.
Es ist viel gefährlicher, am Straßenverkehr teilzunehmen, ob mit dem Auto, dem Fahrrad oder als Fußgänger; und trotzdem wird niemand auf die Idee kommen, deshalb nur noch zu Hause zu bleiben.
Wir hätten das Leben verpasst und am Ende auch nichts gewonnen.

"Ein Schiff ist im Hafen sicher,
aber dafür wurde es nicht gebaut."
 
Deshalb hoffe ich, dass wir auch jetzt, in dieser Zeit voller Angst vor Terrorismus und Anschlägen, weiterleben. Leben ist auch immer Risiko und wenn wir uns diesem Risiko nicht aussetzen, dann werden wir auch nicht richtig leben können.
Weiterhin hoffe ich, dass wir unsere Freiheit, die ein großes Gut ist, nicht völlig in Frage stellen. Manchmal realisieren wir nicht, dass wir in einer freien Gesellschaft leben, und somit zu den privilegierten Menschen dieser Erde zählen.

Es gibt einen Bibelvers im Johannes-Evangelium: "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden."
Es ist wirklich so. Wir werden in der Welt immer Angst haben. Das ist Grundbedingung unseres Daseins. Es gehört zu unserer körperlichen Grundausstattung. Aber wir müssen auch zusehen, dass wir es ausbalancieren können und dass der große Rahmen stimmt.
Wir sollten uns in diesem Rahmen bewegen und unser Leben genießen. Wir sollten realisieren, dass wir nicht aus ihm "herausfallen" können, weil wir in etwas viel größerem aufgehoben sind und es gar kein "außerhalb" gibt.


Am Grab der meisten Menschen
trauert, tief verschleiert,
ihr ungelebtes Leben.