Montag, 1. Juni 2015

Trails, ein Reh und eine Bestie

Samstag, 30. Mai 2015:
Die Augen müde und der Kopf schwer vom gestrigen Besuch der Jazz-Tage… aber ich konnte immerhin ausschlafen.

Wie verbringt man seine Zeit an diesem Tag sinnvoll?
Es soll trocken bleiben bei angenehmen Temperaturen – gute Voraussetzungen für eine Tour mit meinem treuen Mountainbike.
Jetzt erst mal einen Kaffee, um die Lebensgeister zu wecken. Etwas Milch dazu und ich setze mich an meinen Rechner, um die Tour für heute zu planen.
Dann noch "148.713 Mails checken, wer weiß, was mir dann noch passiert, denn es passiert so viel…" nein, die Welt möchte ich heute nicht retten, ist mir zu anstrengend – also umziehen.
Kurz-kurz? Lang-lang? Lang-kurz? Kurz-lang?
Ich entscheide mich für lang-kurz, was sich – wie ich später feststelle – bestens bewähren soll.
Gegen 13:30 Uhr starte ich. Heute sollen es viele schmale Pfade sein, Pfädchen, oder "Pädscher", wie wir in Idar-Oberstein sagen.
Es geht über den Finkenberg, vorbei am Stadion im Haag und über den Mühlenberg durch das Heidenwäldchen nach Tiefenstein. Von dort durch die Rothenbach zu den Edelsteinminen im Steinkaulenberg. Während ich im Steinkaulenberg fotografiere, um die Erinnerungen dieser Tour festzuhalten, sehe ich im Unterholz ein Reh kauern, das mir neugierige Blicke zuwirft.
Das Reh, das keinen Spaß versteht
Es liegt etwa 8 Meter vom Weg entfernt unterhalb im Hang. Wir schauen uns eine Weile an und ich erzähle ihm einen Witz: Kommt ein Reh zum Arzt und sagt: "Herr Doktor Sie müssen mir helfen, ich habe Haarausfall." 
Sagt der Arzt: "Da sind Sie bei mir falsch, Sie müssen in eine Rehaklinik!"
Es rührt sich nicht, schmunzelt nicht mal… na ja, war wohl kein guter Witz. Fahre ich eben weiter. Als ich mich ins rechte Pedal einklicke, steht es auf, schaut noch mal kurz in meine Richtung und läuft weg.

Die Strecke führt mich über tolle Trails bis unterhalb von Algenrodt.
Leider muss ich ein 
Stück Hauptstraße fahren, aber dafür werde ich ja gleich wieder entschädigt.
Jetzt rechts abbiegen, um auf den tollen Weg Richtung "Morgensonne" zu gelangen.

Ich erinnere mich an einen Artikel in der Nahe-Zeitung, dass noch in 2015 Teile dieser Strecke in die Traumschleife "Edelsteinschleiferweg" eingebunden werden. Somit wird die Stadt Idar-Oberstein nach dem "Nahe-Felsenweg" und "Rund um die Kama" um die dritte Traumschleife bereichert.

An der "Morgensonne"
Aussicht an der "Morgensonne"
Dann wird hier sicher mehr Betrieb sein. Schade, denn bisher habe ich auf diesem Weg erst ein einziges Mal einen Menschen getroffen.

Die Luft ist erfrischend, ab und zu weht ein kühler Wind – wunderbar.


Der Weg zur "Morgensonne" fordert mit dem Rad etwas Aufmerksamkeit, denn er ist teilweise felsig und der letzte Anstieg steil und mit Wurzeln übersät. Erwischt man nicht die Ideallinie oder ist es feucht, verliert man den Grip und muss absteigen. Während der kurzen Pause an der "Morgensonne" bei schönem Panoramablick kommt ein Mountainbiker aus entgegengesetzter Richtung. Wir können uns noch kurz grüßen, dann ist er schon vorbei. In einem hohlen Baumstamm entdecke ich zufällig einen Geocache, der mit zu wenig Laub dilettantisch versteckt wurde. Bin ich jetzt ein Muggel? Geomuggel? Nachdem ich kurz überlegt habe, den Cache mit einer Hand voll Laub vor Blicken zu schützen, entschließe ich mich, den Ort unverrichteter Dinge zu verlassen. Es wird mich schon niemand gesehen haben und so muss ich mich nicht wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht verantworten.

Begegnung mit der "Bestie von Enzweiler"
Am Nahe-Ufer bei Enzweiler entgehe ich nur knapp dem Tod, als ich einer jungen Frau mit Hund begegne. Er ist groß, schwarz und sehr schlecht gelaunt. Wenn er nicht angeleint wäre, hätte er mich wohl schon zerrissen. Wir sind etwa 30 Meter voneinander entfernt, ich stoppe und verhalte mich ruhig… greife nach meinem Pfefferspray, wobei das bei dieser Bestie wahrscheinlich nicht viel helfen würde. Der Hund bellt und fletscht die Zähne. Die junge Frau hat sichtlich Mühe, das Tier festzuhalten und ich hoffe, dass das Halsband sowie die Kräfte der Frau stärker sind als der Adrenalinspiegel des Hundes. Langsam ziehe ich mich zurück Richtung Ufer, während die Frau bemüht ist, das Tier zu bändigen. Der Hund versucht inzwischen, sich mit den Pfoten des Halsbandes zu entledigen und ich frage mich, wie lange er wohl brauchen würde, bis er die Distanz zwischen uns überwunden hätte.
Was tun im Fall der Fälle? Wegfahren ist eine schlechte Idee, denn er wäre garantiert schneller und meine Flucht würde seinen Jagdinstinkt nur noch fördern. Das Rad wäre sicher eine gute Hilfe, wenn ich es als Schutzbarriere zwischen mich und den Hund bringen könnte.
Symbolfoto
Mich trennen mittlerweile nur noch knapp 4 Meter vom Ufer der Nahe. Wäre die Flucht ins Wasser eine Lösung?
Mir geht durch den Kopf, was ich alles über richtiges Verhalten in solchen Situationen gelernt habe: "Halte deine Position. Hunde haben eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Oft wird der Hund nach einem kurzen Bellen das Interesse verlieren und weggehen." Von wegen, scheinbar hat der Hund diese Verhaltensregel nicht gelernt. Nach geschätzten 10 bis 12 Versuchen, das Tier zu beruhigen und wegzuziehen, wird der Abstand zwischen uns größer. Die Frau geht weiter. Alle paar Sekunden dreht sich der Hund erneut in meine Richtung, bellt und fletscht die Zähne, was die Frau mit lautem Schimpfen und Zerren an der Leine quittiert. Hoffentlich halten Halsband und Leine.
Ich frage mich, was die Aggression ausgelöst hat? Ich habe ihn weder erschreckt noch provoziert. Er wollte sicher "nur" sein Frauchen beschützen, aber muss man dafür gleich so ausrasten? So hübsch ist sie nun auch wieder nicht.
Ich warte noch eine Weile, bis die beiden außer Sichtweite sind und setze meine Fahrt fort.
Dabei überlege ich, welche Rasse es sein könnte… Labrador? Retriever? Ein Mischling? Ein Hybridhund? Mein Puls normalisiert sich und ich fühle mich wieder deutlich sicherer. Konnte die junge Frau nicht das Reh vom Steinkaulenberg an der Leine führen? Das hätte mir sicher weniger Sorge bereitet.
Über die Trails in der "Kama" fahre ich zum Rilchenberg. Ein steiler Anstieg, aber dafür geht es jetzt durch den Dietzenwald zurück nach Idar.
Traumschleife "Rund um die Kama"


Noch kurz überlegen, welchen Weg ich wähle… rechts oder links… heute mal links. Während ich mein Rad langsam den Fußweg an der Ev. Johanneskirche vorbei manövriere, melden meine Ohren "Musik". Es geben sich einige Personen in der Kirche der Tonkunst hin. Klingt gar nicht mal schlecht, aber ich muss weiter. Den Dietzenwald habe ich schnell hinter mir gelassen und rolle nun gemütlich zurück zum Marktplatz in Idar.
Im Dietzenwald mit Blick auf Idar
Die Stände der Jazz-Tage sind noch geschlossen, müssen sie heute doch erst ab 19:00 Uhr wieder zur Verfügung stehen, um die Massen zu befriedigen. Jedenfalls nehme ich mir vor, heute weniger zu trinken als gestern.

Mir geht es gut und ich freue mich, wieder etwas für Körper und Seele getan zu haben. Mit 25 km war es eine relativ kurze Tour, allerdings mussten die rund 850 Höhenmeter – nach der gestrigen Tour mit unserer "Freitags-Radler-Gruppe" – erst mal gestrampelt werden. Der Hunsrück ist ein schönes Fleckchen Erde – wunderschön, allerdings stellt Radfahren hier höhere Anforderungen an Mensch und Material als auf dem flachen Land.

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